Die JGS musiziert im Gefängnis

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Foto 3. Advent 2021Alle Jahre wieder – nicht ganz. Ausgerechnet zum Zwanzigjährigen im letzten Jahr fiel aus, was im Jahr 2000 begann und seitdem zum festen Bestandteil der Chorarbeit gehörte.

Die Töchter des damaligen Kasseler Dekans Martin Hein besuchten damals die JGS und sangen im Chor. Katharina Hein hatte die Idee, dass der Chor doch mitkommen könnte, wenn ihr Vater in einem Adventsgottesdienst in der JVA Wehlheiden predigt. Und so machte sich das Ensemble auf den Weg, wurde an der Pforte in üblicher Weise auf unerlaubte oder verdächtige Gegenstände durchsucht und fand sich schließlich auf der Empore eines großen Saals wieder, um von dort aus den Gottesdienst mit „Es ist ein Ros entsprungen“ und „Locus iste“ musikalisch zu gestalten. Wegen einiger englischsprachiger Gefangener waren die Choräle „The First Nowell“ und „Hark! The Herald Angels Sing“ aus einem amerikanischen Gesangbuch einstudiert worden. Aufgrund der positiven Resonanz war klar, dass der Chor der JGS im nächsten Jahr wieder dabei sein sollte. Und auch, als die Töchter Heins ihr Abitur längst in der Tasche hatten und aus dem Dekan der Bischof der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck geworden war, wurde dies fortgesetzt.

Meistens gab es im Anschluss an den Gottesdienst eine eindrückliche Führung durch einige Teile des Gefängnisses. Eindrücklich, weil es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert handelt, aber vor allem wegen der Einblicke in einen Bereich, der der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich ist.

Nach einigen Jahren sangen wir nicht mehr auf der Empore, sondern im Altarraum des Kirchensaals. Der Kontakt zu den Gefangenen war nun direkter, natürlich mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es manchmal ein wenig Gemeinsamkeit bei Plätzchen und Kaffee, bis sich die Wege wieder trennten und alle in ihren sehr verschiedenen Alltag zurückkehrten.

Nachdem Bischof Hein über viele Jahre im Adventsgottesdienst gepredigt hatte, übernahm Beate Hoffmann 2019 von ihm nicht nur das Amt der Bischöfin. Sie setzte ganz selbstverständlich diese Tradition Heins fort, sicher auch mit der Botschaft an die Gefangenen, dass sie von der Kirchenleitung nicht vergessen werden. Die kirchliche Basisarbeit wird in der JVA Wehlheiden von Gefängnisseelsorgern geleistet, die den Gefangenen über Gottesdienste und Gespräche hinaus vielfältige Angebote machen. In den ersten Jahren war dies Pfarrer Rainer Lawrenz, nun ist es Pfarrer Frank Illgen. Außerdem engagiert sich Jörg-Uwe Meister, der Leiter der JVA, in diesem Bereich und ist häufig bei den Gottesdiensten dabei.

Und dann das: Nach 20 Jahren unterbricht Corona unsere Tradition. Im letzten Jahr war es leider gar nicht möglich, mit dem Chor aufzutreten. Auch in diesem Jahr war kein Gesang im üblichen Rahmen denkbar. Nach einigen Monaten Pandemieerfahrung hatten wir jedoch eine Alternative parat: Statt des gesamten Chores besuchte am 3. Advent nur ein kleines Blechbläser-Ensemble die JVA, unterstützt durch Florian Brauer an Klavier und Saxophon. Das Quartett mit Antonia Kittsteiner und Florin Hartig (Trompeten), Luisa Gück (Posaune) und Bernd Trusheim (Euphonium) spielte Advents- und Weihnachtsmusik wie „Tochter Zion“ und das alpenländische „Es wird scho glei dumper“, bei dem einige aus der Gemeinde ergriffen mitsummten. Eine Strophe von „Es ist ein Ros entsprungen“ wurde a cappella vorgetragen – wie beim ersten Mitwirken im Gottesdienst vor nunmehr 21 Jahren. Sehr schön war das, doch natürlich hoffen wir darauf, im nächsten Jahr wieder mit dem ganzen Chor dabei sein zu können, dann gerne: Alle Jahre wieder.

Text: Bernd Trusheim

Foto (privat): Jörg-Uwe Meister (Leiter der JVA), Florian Brauer, Antonia Kittsteiner, Luisa Gück, Florin Hartig, Bernd Trusheim, Bischöfin Dr. Beate Hofmann, Pfarrer Frank Illgen (v.l.n.r.)